24. September 2014: Fans des Halleschen FC brüllen zum Drittliga-Fußballspiel Dynamo Dresdens Torhüter Benjamin Kirsten mit den Massen-Chor-Rufen »Kirsten, du Zigeuner!« an. Das führte im MDR-Fernsehen und in Online-Kommentaren zu Empörung und wurde als »rassistisch« gewertet.
Doch der Begriff Zigeuner ist keineswegs ein »rassistischer Schmähruf«. Unter der Überschrift »Sinti, Roma oder Zigeuner?« hatte die FAZ in ihrer Online-Ausgabe vom 7. Februar 2005 verdeutlicht, dass »Zigeuner« kein Schimpfwort ist und dass viele Zigeuner sogar Wert darauf legen, so bezeichnet zu werden. Hintergrund dieses Artikels war damals die Frage nach der »richtigen« Beschriftung des Denkmals für die durch den Nazi-Terror ermordeten Zigeuner.
Im Text wird weiter dargestellt, dass die angeblich politisch korrekte Formulierung »Sinti und Roma« sowohl logisch als auch inhaltlich falsch ist. Diese – seit den achtziger Jahren in Deutschland üblich gewordene – Bezeichnung sei dem FAZ-Artikel zufolge diskriminierend, weil sie viele Zigeunergruppen ausgrenzt. Die Sinti seien zwar die größte Gruppe im deutschen Sprachraum, aber nicht die einzige; es gab und gibt hier auch andere Gruppen (die Lalleri, Litautikker und so weiter), die damit ausgeschlossen würden.
»Rom« ist die übliche Eigenbezeichnung der Zigeuner für »Mensch«, »Roma« also für »Menschen«. Und im Artikel weiter: »Insofern dieses Wort alle Zigeuner meint, ist die Bezeichnung ›Sinti und Roma‹ unlogisch, da sie zuerst eine Teilgruppe und danach die Gesamtheit nennt, so als spräche man von »Katholiken und Christen«. Und die FAZ dort weiter: »Wenn nach einer anderen Auffassung mit Roma die ost- und südosteuropäischen Zigeuner gemeint sein sollen, werden wiederum andere Zigeuner ausgeschlossen wie etwa die Manusch im französischsprachigen Raum oder die Kale auf der Iberischen Halbinsel.«
Zu berücksichtigen wäre auch noch die in anderen Ländern übliche Benennungsweise. Die Bezeichnung »Sinti und Roma« wird dem FAZ-Artikel zufolge wirklich nur in Deutschland verwendet, in anderen europäischen Staaten sind es französisch »tsiganes«, italienisch »zingari« (wie im Deutschen »Zigeuner«, alle abgeleitet vom griechischen »atsinganoi« – Unberührbare), oder eben englisch »gypsies« und spanisch »gitanos« (weil man sie einst für Ägypter hielt).
Schließlich sollte man nicht verschweigen, dass mit »Zigeuner« im deutschen Sprachalltag nicht selten auch liebevolle, positiv gemeinte Bedeutungen mitschwingen. Formulierungen zu einem Kind wie »Na, mein kleiner Zigeuner« (im Sinne von »Herumstromer« oder »Frechdachs«) oder zu einem Musiker wie »Mann, Du spielst ja wie ein Zigeuner!« (im Sinne von Spielen wie ein Teufelskerl) machen das deutlich.
Hatten also die ansonsten für ihre rassistischen Rufe bekannten Brüller aus Halle den Benjamin Kirsten wirklich beleidigen wollen, so haben sie das – vielleicht wegen des Mangels an Wissen – mit dem Wort »Zigeuner« gerade nicht geschafft.
M. B.
ddd
Montag, 29. September 2014
Mittwoch, 12. März 2014
Der ADAC – ein »Mega-Hoeneß«?
München, 12. März 2014. Eins, zwei, drei im Sauseschritt – es rennt die Zeit, und wir rennen mit. Waren es noch am Montag mehr als 18 Millionen Euro, die der Uli Hoeneß an Steuern hinterzogen haben soll, schnellte während der Gerichtsverhandlung der Schuldbetrag auf über 27 Millionen Euro hoch. Hier hat sich wohl maßlose Gier mit krimineller Energie gepaart – grotesk, dass ein Teil der Öffentlichkeit den »Uli« immer noch als Opfer empfindet.
Die »Ulimania« verdeckt derzeit wohl fast völlig, dass der ADAC dem Bund sage und schreibe etwa eine halbe Milliarde schuldet – zumindest laut ZEIT. Was ist das für eine scheiß Gesellschaft, in der sich einige gegenseitig die Millionen und Milliarden zuschieben können, während der kleine Mann schon bei kleinen Nachzahlungsverzögerungen in Höhe weniger Euro eine Sanktionsandrohung bekommt?
M. B.
Die »Ulimania« verdeckt derzeit wohl fast völlig, dass der ADAC dem Bund sage und schreibe etwa eine halbe Milliarde schuldet – zumindest laut ZEIT. Was ist das für eine scheiß Gesellschaft, in der sich einige gegenseitig die Millionen und Milliarden zuschieben können, während der kleine Mann schon bei kleinen Nachzahlungsverzögerungen in Höhe weniger Euro eine Sanktionsandrohung bekommt?
M. B.
Montag, 10. März 2014
Und dem Hoeneß wäre viel Ärger erspart geblieben
München, 10. März 2014. Nach neuesten Angaben aus dem heute begonnenen Gerichtsprozess in Sachen Selbstanzeige des Uli Hoeneß soll Hoeneß in den sieben Jahren 2003 bis 2009 mehr als 18 Millionen Euro Steuern nicht gezahlt haben. Verschiedenen Angaben zufolge beträgt der Etat Dynamo Dresdens für seine Zweitligaspieler etwa 6 Millionen Euro jährlich. Damit könne man Experten zufolge die zweite Bundesliga gerade knapp oder nicht halten. Wenn Hoeneß in der fraglichen Zeitspanne Jahr für Jahr rund 2,5 Millionen Euro als Spende an Dynamo überwiesen hätte, käme der Dynamo-Etat etwa in die Nähe desjenigen von 1860 München – es wäre der Dresdner Kultverein vielleicht schon auf dem Sprung in die erste Bundesliga. Und dem Hoeneß wäre viel Ärger erspart geblieben. – Tja …
M. B.
M. B.
Mittwoch, 24. Juli 2013
Deutschland ist mit seiner Abwehrhaltung gegen Atomkraft in der Europäischen Union isoliert
Brüssel will Atomkraft stärken. Dies meldet der Online-Dienst »Bürger für Technik« in seiner Kurzinfo 398 mit Bezug auf Die Welt vom 20. Juli 2013 und das Greenpeace-Magazin.
Nuklearstrom könnte danach für europäische Konzerne wieder rentabel werden – mit staatlichen Geldern. Das schreibt die EU-Kommission in ihrem Entwurf für eine neue Beihilferichtlinie. Brüssel will Stromkonzernen staatliche Subventionen für Atommeiler leichter zugänglich machen.
Die Kommission will den Entwurf nach der Sommerpause vorlegen und das Gesetz voraussichtlich bis zum Frühjahr verabschieden.
Durch die Richtlinie könnten die EU-Staaten »die Errichtung und den Betrieb« von Atommeilern finanziell unterstützen, solange die Antragsteller gewisse Voraussetzungen erfüllen. Diese will Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia in einem Regelwerk festlegen: So sollen die Behörden etwa nachweisen, dass ein Kraftwerk für die Energieversorgung seines Landes benötigt wird und private Investoren allein die Kosten nicht tragen können.
In der EU scheint Deutschland mit seiner Abwehrhaltung relativ allein: Großbritannien, Frankreich, Litauen und Tschechien haben nach Angaben der Süddeutschen schon ihre Zustimmung signalisiert. In allen vier Ländern existieren derzeit Pläne, neue Atomkraftwerke zu bauen – die Staaten würden von der neuen Richtlinie also profitieren. Auch in Finnland, Polen und der Slowakei sollen neue Meiler entstehen.
Nuklearstrom könnte danach für europäische Konzerne wieder rentabel werden – mit staatlichen Geldern. Das schreibt die EU-Kommission in ihrem Entwurf für eine neue Beihilferichtlinie. Brüssel will Stromkonzernen staatliche Subventionen für Atommeiler leichter zugänglich machen.
Die Kommission will den Entwurf nach der Sommerpause vorlegen und das Gesetz voraussichtlich bis zum Frühjahr verabschieden.
Durch die Richtlinie könnten die EU-Staaten »die Errichtung und den Betrieb« von Atommeilern finanziell unterstützen, solange die Antragsteller gewisse Voraussetzungen erfüllen. Diese will Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia in einem Regelwerk festlegen: So sollen die Behörden etwa nachweisen, dass ein Kraftwerk für die Energieversorgung seines Landes benötigt wird und private Investoren allein die Kosten nicht tragen können.
In der EU scheint Deutschland mit seiner Abwehrhaltung relativ allein: Großbritannien, Frankreich, Litauen und Tschechien haben nach Angaben der Süddeutschen schon ihre Zustimmung signalisiert. In allen vier Ländern existieren derzeit Pläne, neue Atomkraftwerke zu bauen – die Staaten würden von der neuen Richtlinie also profitieren. Auch in Finnland, Polen und der Slowakei sollen neue Meiler entstehen.
Freitag, 22. März 2013
Der Kampf um Gleichmacherei und Zwangsneutralisierung der Geschlechter
Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst der Überheblichkeit, der Besserwisserei und der Täuschung. Sogenannte Gutmenschen täuschen mit ihrem Bestehen auf formale Korrektheit eine angebliche political correctness vor. Ob jemand seine Sprache »gendert«, soll diesen Täuschern ein Hinweis darauf sein, inwieweit er eine geschlechterdiskriminierende Haltung hat oder eben nicht. Im Ergebnis verlagern die Täuscher den berechtigten Kampf um Gleichberechtigung der Geschlechter auf die Ebene der Gleichmacherei – Wortungetüme wie »MitarbeiterInnen« oder »Studierende« anstelle von »Mitarbeiter« und »Studenten« zeugen davon. Und fast alle machen diese formulatorische Praxis mit – nach dem Motto: Es ist zwar eigentlich Unsinn, aber ein Beibehalten des Richtigen kostet zu viel Kraft und Reputation. – Die DDR mit ihren gesellschaftlichen Gepflogenheiten lässt grüßen.
Im Dresdner Universitätsjournal 20/2012 habe ich dazu folgendes Schmunzelstück veröffentlicht:
Verführt von Brotduft
Zufußgehende schlenderten durch die Gasse. Vor dem Treppchen des Backenden, aus dessen Tür ein verlockender Duft von frischem Brot strömte, stritten zwei Fahrende, deren Lieferwagen ineinander verkeilt waren, wer der Übeltuende sei und was die Unfallursache gewesen sein könnte. Zwei Radfahrende, in den Ohren Hörstöpsel mit Musik, radelten in das Duo der streitenden Fahrenden, verletzten sich ziemlich schwer und mussten von Rotkreuzhelfenden versorgt werden. Typisch Studierende-Radfahrende, dachte da mancher Zuschauende, darunter überwiegend Anwohnende, solche Träumenden brauchen eigentlich Aufpassende. Ob das alles nicht vielleicht am duftenden Brot liegt, fragte ein Zweifelnder. Das brachte den Backenden in Schwierigkeiten. Als ambitionierter Handwerkender freute er sich über den verlockenden Duft, als potenzieller Verkehrsteilnehmender fühlte er sich fast schuldig. Wie leicht kann man doch, verführt von Brotduft, vom Fahrenden zum Zufußgehenden werden …
Sie haben das nicht so recht verstanden? Wohin es führt, wenn man konsequent auf politisch korrekte Formulierungen und damit auf die Zwangsneutralisierung alles Weiblichen und Männlichen verzichtet, sieht man an folgendem versimpelten Text, dessen primitive Einfachheit gerade an einer Universität beleidigend wirken muss.
Fußgänger schlenderten durch die Gasse. Vor dem Treppchen des Bäckers, aus dessen Tür ein verlockender Duft von frischem Brot strömte, stritten zwei Fahrer, deren Lieferwagen ineinander verkeilt waren, wer der Übeltäter sei und was die Unfallursache gewesen sein könnte. Zwei Radfahrer, in den Ohren Hörstöpsel mit Musik, radelten in das Duo der streitenden Fahrer, verletzten sich ziemlich schwer und mussten von Rotkreuzhelfern versorgt werden. Typisch Studenten-Radfahrer, dachte da mancher Zuschauer, darunter überwiegend Anwohner, solche Träumer brauchen eigentlich Aufpasser. Ob das alles nicht vielleicht am duftenden Brot liegt?, fragte ein Zweifler. Das brachte den Bäcker in Schwierigkeiten. Als ambitionierter Handwerker freute er sich über den verlockenden Duft, als potenzieller Verkehrsteilnehmer fühlte er sich fast schuldig. Wie leicht kann man doch, verführt von Brotduft, vom Fahrer zum Fußgänger werden …
Mathias Bäumel
Im Dresdner Universitätsjournal 20/2012 habe ich dazu folgendes Schmunzelstück veröffentlicht:
Verführt von Brotduft
Zufußgehende schlenderten durch die Gasse. Vor dem Treppchen des Backenden, aus dessen Tür ein verlockender Duft von frischem Brot strömte, stritten zwei Fahrende, deren Lieferwagen ineinander verkeilt waren, wer der Übeltuende sei und was die Unfallursache gewesen sein könnte. Zwei Radfahrende, in den Ohren Hörstöpsel mit Musik, radelten in das Duo der streitenden Fahrenden, verletzten sich ziemlich schwer und mussten von Rotkreuzhelfenden versorgt werden. Typisch Studierende-Radfahrende, dachte da mancher Zuschauende, darunter überwiegend Anwohnende, solche Träumenden brauchen eigentlich Aufpassende. Ob das alles nicht vielleicht am duftenden Brot liegt, fragte ein Zweifelnder. Das brachte den Backenden in Schwierigkeiten. Als ambitionierter Handwerkender freute er sich über den verlockenden Duft, als potenzieller Verkehrsteilnehmender fühlte er sich fast schuldig. Wie leicht kann man doch, verführt von Brotduft, vom Fahrenden zum Zufußgehenden werden …
Sie haben das nicht so recht verstanden? Wohin es führt, wenn man konsequent auf politisch korrekte Formulierungen und damit auf die Zwangsneutralisierung alles Weiblichen und Männlichen verzichtet, sieht man an folgendem versimpelten Text, dessen primitive Einfachheit gerade an einer Universität beleidigend wirken muss.
Fußgänger schlenderten durch die Gasse. Vor dem Treppchen des Bäckers, aus dessen Tür ein verlockender Duft von frischem Brot strömte, stritten zwei Fahrer, deren Lieferwagen ineinander verkeilt waren, wer der Übeltäter sei und was die Unfallursache gewesen sein könnte. Zwei Radfahrer, in den Ohren Hörstöpsel mit Musik, radelten in das Duo der streitenden Fahrer, verletzten sich ziemlich schwer und mussten von Rotkreuzhelfern versorgt werden. Typisch Studenten-Radfahrer, dachte da mancher Zuschauer, darunter überwiegend Anwohner, solche Träumer brauchen eigentlich Aufpasser. Ob das alles nicht vielleicht am duftenden Brot liegt?, fragte ein Zweifler. Das brachte den Bäcker in Schwierigkeiten. Als ambitionierter Handwerker freute er sich über den verlockenden Duft, als potenzieller Verkehrsteilnehmer fühlte er sich fast schuldig. Wie leicht kann man doch, verführt von Brotduft, vom Fahrer zum Fußgänger werden …
Mathias Bäumel
Montag, 18. Februar 2013
Unterhauswahlen in Japan: Sitzverluste nach Kernkraftausstiegs-Versprechen
Wie das Internetportal des Vereins »Bürger für Technik« mit Bezug auf die Fachzeitschrift atw vermeldet, haben bei der letzten Unterhauswahl in Japan im Dezember 2012 jene Parteien, die die Kernenergie befürworten, eine 2/3-Mehrheit der Sitze erreicht, während die Tomorrow Party of Japan (Mirai) – mit dem Versprechen eines Kernenergieausstiegs – 52 von 61 Sitzen verlor. Der gewählte Premierminister Abe erklärte, dass seine Politik die Wiederaufnahme des Betriebes der aktuell stillstehenden KKW anstrebe, sobald die laufenden Überprüfungen diese als sicher einstuften. (M. B.)
Freitag, 30. November 2012
Dreißigerzonen und Stop-and-Go erhöhen Stickoxidbelastung deutlich
Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme (IVI) mit wichtigen Ergebnissen
Umweltzonen sind zur Feinstaubreduktion eingeführt worden und erweisen sich diesbezüglich als wirkungslos. Dies ist eines der Ergebnisse der vielfältigen Forschungsarbeit am Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme, die mittlerweile auch die Politik erreicht haben. So stellte Janez Potocˇnik, Europäischer Umweltkommissar aus Slowenien, mit Blick auf die Einführung von Umweltzonen fest: »Städtische Maßnahmen zur Luftqualität sind weitgehend wirkungslos!« Und tatsächlich: Es gibt seitens der EU keine Pflicht, Umweltzonen einzurichten. »Europa verlangt nur wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität«, hebt Holger Krahmer (FDP), Mitglied des Europäischen Parlaments, hervor.
Nun haben die Wissenschaftler Elke Sähn, Sven Boden und Matthias Klingner vom Fraunhofer-IVI in einer Studie (»Umweltzonen gegen NOx – gleicher Modus, mehr Erfolg?«, 2010) im Auftrag der IHK Ulm untersucht, ob Umweltzonen zumindest die Stickoxidbelastung reduzieren. Fazit: Die Einführung oder gar Verschärfung der Umweltzonen senkt keineswegs die Stickoxidbelastung, sondern führt tendenziell sogar zu deren Erhöhung.
Dabei lassen einzelne Ergebnisse besonders aufmerken.
So verursacht der Studie zufolge der schwere Lastverkehr – selbst mit nur sieben bis neun Prozent am Verkehrsaufkommen beteiligt – über 60 Prozent der gesamten NOx- bzw. über 30 Prozent der NO2-Emissionen! Elke Sähn vom IVI: »Wenn es gelänge, den Strom der LKWs durch die Stadt zu halbieren – in Dresden wäre dies ganz praktisch durch die Verkehrsführung über die Autobahn möglich –, käme der dadurch erzielte Reduktionseffekt bei Stickoxiden dem Effekt gleich, der durch ein komplettes PKW-Fahrverbot erreicht werden könnte.« Dabei darf nicht übersehen werden, dass Busse (sowohl Reise- als auch Stadtbusse) hinsichtlich der Stickoxid-Ausstöße noch größere Sorgenkinder als die LKWs sind, wenngleich in verschiedenen Ausmaßen. Sowohl NOx als auch speziell NO2 betreffend, emittieren Busse etwa doppelt so viele Mengen wie LKWs. Auch dies gilt es zu beachten, wenn man über den Wert und die Entwicklungskonzepte des öffentlichen Personennahverkehrs nachdenkt.
Die Studie zeigt weiterhin, wie wichtig Maßnahmen zur Verkehrsverflüssigung und wie widersprüchlich Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung sind. Sie belegt, welch großen Einfluss der Verkehrsfluss auf die NOx- und NO2-Belasungen hat. »Bei flüssigem Verkehr sind die NOx-Emissionen um 32 bis 56 Prozent und die NO2-Emissionen um 29 bis 55 Prozent geringer als im Falle des Stop-and-Go-Verkehrs«, hält die Studie fest. Das sind beeindruckende Differenzen.
Auch die Einführung eines 30er-Tempolimits führt den Studienergebnissen zufolge zu einer im Vergleich zur normalen 50er-Zone deutlichen Erhöhung der Stickoxid-Emissionen: bei NOx um 26 Prozent, bei NO2 sogar um 29 Prozent. Das sollten besorgte Eltern zumindest bedenken, wenn sie wegen der angeblichen Gefahren für ihre spielenden Kinder für ihr Wohngebiet die Einrichtung von Dreißigerzonen fordern. Und dies sollte auch die Stadt Dresden nicht aus den Augen verlieren, wenn sie vor dem Konflikt steht, die stets zu geringen Finanzmittel für die Straßensanierung »richtig« zu investieren. In Dresden-Niedersedlitz zumindest ordnete man die Sanierung maroder Wohngebietsstraßen zugunsten von Reparaturen von Straßen mit Gewerbeanliegern als nachrangig ein und stellte lieber 30er-Schilder im Wohngebiet auf – somit eine eigentlich unnötig hohe NOx- und NO2-Belastungen in Kauf nehmend.
Vor dem Hintergrund der IVI-Studie sind die Untersuchungsergebnisse der Wissenschaftler aus dem Institut für Verkehrstelematik der TU Dresden, die trotz des wieder leicht steigenden Verkehrsaufkommens eine höhere durchschnittliche Reisegeschwindigkeit und damit einen leichten Rückgang des Stop-and-Go-Verkehrs festgestellt haben, Indiz für eine positive Entwicklung.
Mathias Bäumel
(Erstveröffentlicht im Dresdner Universitätsjournal 19/2012.)
Was sind Stickoxide und wie äußert sich ihre Gefährlichkeit?
Stickoxide sind eine Sammelbezeichnung für die gasförmigen Oxide des Stickstoffs. Sie werden auch mit NOx abgekürzt. Mit Ausnahme des Lachgases verhalten sie sich gegenüber Wasser (beispielsweise in der Atmosphäre) als Säurebildner. Unter anderem wegen dieser Säurebildung wirken sie auf die Schleimhäute reizend und giftig. Stickstoffdioxid, NO2, ist ein rotbraunes, giftiges, stechend chlorähnlich riechendes Gas. Eingeatmetes Stickstoffdioxid löst Kopfschmerzen und Schwindel aus. Höhere Konzentrationen können Atemnot und Lungenödeme auslösen. (Quelle: Wikipedia)
Umweltzonen sind zur Feinstaubreduktion eingeführt worden und erweisen sich diesbezüglich als wirkungslos. Dies ist eines der Ergebnisse der vielfältigen Forschungsarbeit am Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme, die mittlerweile auch die Politik erreicht haben. So stellte Janez Potocˇnik, Europäischer Umweltkommissar aus Slowenien, mit Blick auf die Einführung von Umweltzonen fest: »Städtische Maßnahmen zur Luftqualität sind weitgehend wirkungslos!« Und tatsächlich: Es gibt seitens der EU keine Pflicht, Umweltzonen einzurichten. »Europa verlangt nur wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität«, hebt Holger Krahmer (FDP), Mitglied des Europäischen Parlaments, hervor.
Nun haben die Wissenschaftler Elke Sähn, Sven Boden und Matthias Klingner vom Fraunhofer-IVI in einer Studie (»Umweltzonen gegen NOx – gleicher Modus, mehr Erfolg?«, 2010) im Auftrag der IHK Ulm untersucht, ob Umweltzonen zumindest die Stickoxidbelastung reduzieren. Fazit: Die Einführung oder gar Verschärfung der Umweltzonen senkt keineswegs die Stickoxidbelastung, sondern führt tendenziell sogar zu deren Erhöhung.
Dabei lassen einzelne Ergebnisse besonders aufmerken.
So verursacht der Studie zufolge der schwere Lastverkehr – selbst mit nur sieben bis neun Prozent am Verkehrsaufkommen beteiligt – über 60 Prozent der gesamten NOx- bzw. über 30 Prozent der NO2-Emissionen! Elke Sähn vom IVI: »Wenn es gelänge, den Strom der LKWs durch die Stadt zu halbieren – in Dresden wäre dies ganz praktisch durch die Verkehrsführung über die Autobahn möglich –, käme der dadurch erzielte Reduktionseffekt bei Stickoxiden dem Effekt gleich, der durch ein komplettes PKW-Fahrverbot erreicht werden könnte.« Dabei darf nicht übersehen werden, dass Busse (sowohl Reise- als auch Stadtbusse) hinsichtlich der Stickoxid-Ausstöße noch größere Sorgenkinder als die LKWs sind, wenngleich in verschiedenen Ausmaßen. Sowohl NOx als auch speziell NO2 betreffend, emittieren Busse etwa doppelt so viele Mengen wie LKWs. Auch dies gilt es zu beachten, wenn man über den Wert und die Entwicklungskonzepte des öffentlichen Personennahverkehrs nachdenkt.
Die Studie zeigt weiterhin, wie wichtig Maßnahmen zur Verkehrsverflüssigung und wie widersprüchlich Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung sind. Sie belegt, welch großen Einfluss der Verkehrsfluss auf die NOx- und NO2-Belasungen hat. »Bei flüssigem Verkehr sind die NOx-Emissionen um 32 bis 56 Prozent und die NO2-Emissionen um 29 bis 55 Prozent geringer als im Falle des Stop-and-Go-Verkehrs«, hält die Studie fest. Das sind beeindruckende Differenzen.
Auch die Einführung eines 30er-Tempolimits führt den Studienergebnissen zufolge zu einer im Vergleich zur normalen 50er-Zone deutlichen Erhöhung der Stickoxid-Emissionen: bei NOx um 26 Prozent, bei NO2 sogar um 29 Prozent. Das sollten besorgte Eltern zumindest bedenken, wenn sie wegen der angeblichen Gefahren für ihre spielenden Kinder für ihr Wohngebiet die Einrichtung von Dreißigerzonen fordern. Und dies sollte auch die Stadt Dresden nicht aus den Augen verlieren, wenn sie vor dem Konflikt steht, die stets zu geringen Finanzmittel für die Straßensanierung »richtig« zu investieren. In Dresden-Niedersedlitz zumindest ordnete man die Sanierung maroder Wohngebietsstraßen zugunsten von Reparaturen von Straßen mit Gewerbeanliegern als nachrangig ein und stellte lieber 30er-Schilder im Wohngebiet auf – somit eine eigentlich unnötig hohe NOx- und NO2-Belastungen in Kauf nehmend.
Vor dem Hintergrund der IVI-Studie sind die Untersuchungsergebnisse der Wissenschaftler aus dem Institut für Verkehrstelematik der TU Dresden, die trotz des wieder leicht steigenden Verkehrsaufkommens eine höhere durchschnittliche Reisegeschwindigkeit und damit einen leichten Rückgang des Stop-and-Go-Verkehrs festgestellt haben, Indiz für eine positive Entwicklung.
Mathias Bäumel
(Erstveröffentlicht im Dresdner Universitätsjournal 19/2012.)
Was sind Stickoxide und wie äußert sich ihre Gefährlichkeit?
Stickoxide sind eine Sammelbezeichnung für die gasförmigen Oxide des Stickstoffs. Sie werden auch mit NOx abgekürzt. Mit Ausnahme des Lachgases verhalten sie sich gegenüber Wasser (beispielsweise in der Atmosphäre) als Säurebildner. Unter anderem wegen dieser Säurebildung wirken sie auf die Schleimhäute reizend und giftig. Stickstoffdioxid, NO2, ist ein rotbraunes, giftiges, stechend chlorähnlich riechendes Gas. Eingeatmetes Stickstoffdioxid löst Kopfschmerzen und Schwindel aus. Höhere Konzentrationen können Atemnot und Lungenödeme auslösen. (Quelle: Wikipedia)
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